Auf Marthas glitzernder Schneckenschriftspur
Vernissage und Singspiel im Kinderhaus St. Josef
„Ehrlich gesagt, ich find’ mich gar nicht gut“, stellt die kleine Schnecke Martha geknickt fest. Sie ist zwar die Hauptfigur der diesjährigen Vernissage im Kinderhaus mit den Kunstwerken der Vorschulkinder, aber am Beginn ihres Singspiels mag das traurige Schneckchen diese Hauptrolle so gar nicht annehmen. Die Vorschulkinder haben, angeleitet von unserer Künst-lerin Sylvia Bürkner, wunderschöne Schnecken in sämtlichen Varianten mit Acrylfarben auf die Leinwände gezaubert, und all diese Tierchen an den Wänden der Aula im Kinderhaus schauen nun – gemeinsam mit den Vorschuleltern – zu, wie die kluge Martha in eine schmerzliche Identitätskrise geraten ist. „Ich bin eine ganz gewöhnliche Schnecke mit einem ganz gewöhnlichen Schneckenhaus und das ist nicht einmal besonders schön. Meine Augen können sich zwar in alle Richtungen bewegen, aber manchmal sieht das bei mir ziemlich komisch aus.“ Arme kleine Schnecke!
Auch ihre Schneckeneltern, Friedel und Emil Wiesenkraut, leiden mit ihrer Tochter, die im Laufe des Tages wieder und wieder erfahren muss, was andere Tiere in der Wiese so viel besser können als sie: Die Biene fliegt und brummt vergnüglich, keine noch so großen selbstgebastelten Flügel können Martha dazu verhelfen, es ihr gleichzutun und in die Lüfte zu steigen. Der Schmetterling in seiner farbigen Pracht ist eine wahre, konkurrenzlose Au-genweide, der Grashüpfer erweist sich mit seinem betörenden Geigenspiel als unerreichba-res Musikgenie, und der Tausendfüßler ist nicht einzuholen angesichts der Schnelligkeit und Ausdauer seiner unzähligen Beine. Wie soll man da mithalten, wenn man noch dazu das Schwergewicht seines eigenen Hauses auf dem Rücken tragen muss?
Zum Glück ist das kleine Schneckenherz bärenstark, vor allem aber gibt es ja jemanden weit über der satten Wiese, der Martha aus gutem Grund genau so geschaffen hat, wie er es wollte und wie es gut ist: der liebe Gott. „Du bist besonders, so, wie du bist! Du bist beson-ders, sei dir dessen gewiss!“, singt der Kinderchor aufmunternd und mit viel Überzeugungs-kraft. Begleitet wird der Chor wie bei allen Liedern vom Hortorchester, bestehend aus Xylo-fonen und Gitarren.
Jedes Geschöpf ist gottgewollt und mit wertvollen Talenten ausgestattet – selbstverständ-lich hat Gott auch Martha etwas mitgegeben, was sie einzigartig macht in der bunten Schar an Wiesenbewohnern: Ihre Schneckenschriftspur glitzert in der Sonne, ihr Funkeln im Son-nenlicht ist magisch und scheint nicht von dieser Welt zu sein. Das zu erkennen, ja im Ver-trauen auf Gott die eigene Stärke und Besonderheit zu sehen und zu schätzen, will gelernt sein und ist Aufgabe von uns allen – nicht nur von der kleinen, am Ende umso glücklicheren Martha. „Du bist du, einzigartig, so gedacht, so gewollt. Deine Aufgabe ist es, dich zu ent-decken, dich zu entfalten, du zu werden, du zu sein.“ Der verdiente, tosende Applaus für ein tolles Singspiel und die einzigartigen Kunstwerke der Vorschulkinder ließ nicht auf sich war-ten!
Übrigens: Aktuell läuft wieder die Aktion „Mähfreier Mai“ für mehr Artenvielfalt im Garten. Auch und gerade die echte Wiesengemeinschaft, die Tiere wie die Pflanzen, wird sich freuen über jeden, der mitmacht!
Torsten Blaich, Erzieher
