„Aufbrechen – Wege des Lebens nach dem Ostermorgen“

Eine Erzählung über Aufbruch, Veränderung und das Gefühl von „Ankommen“

Es sagte einmal die kleine Hand zur großen Hand:
„Du große Hand, ich brauche dich, weil ich bei dir geborgen bin. Ich spüre deine Hand, wenn du bei mir bist, wenn ich mit dir meine ersten Schritte versuche und wenn ich zu dir kommen kann, weil ich Angst habe.
Ich bitte dich: Bleib in meiner Nähe und halte mich.“

Da sagte die große Hand zur kleinen Hand:
„Du kleine Hand, ich brauche dich, weil ich von dir ergriffen bin. Das spüre ich, weil ich viele Handgriffe für dich tun darf, weil ich mit dir kleine, wunderbare Dinge entdecke, weil ich deine Wärme spüre und dich liebhabe.
Ich bitte dich: Bleib in meiner Nähe und halte mich.“

Gerhard Kiefel

Ich glaube, wir alle standen schon mehrmals an einem Punkt in unserem Leben, an dem die Welt – wenn auch nur für einen kurzen Moment – stillzustehen schien. Vielleicht als Kind, wenn man mit aufgeschürften Knien nach Hause gekommen ist und der Schmerz unermesslich war. Vielleicht auch nach dem ersten großen Verlust in der Familie, wo die Trauer über einen geliebten Menschen das Leben überschattete. Oder bei mir: in einer Zeit, in der ich in einem Beruf festhing, der mir keine Freude mehr bereitete, und in der ich mich an einem Wendepunkt meines Lebenspfades befand.

Screenshot

Vor ca. 10 Jahren traf ich die Entscheidung, einen bestimmten Berufsweg einzuschlagen. Voller Überzeugung und Zuspruch von außen absolvierte ich in fünf Jahren meine erste Ausbildung und übte dann das aus, was ich so lange angestrebt hatte: den Beruf der Dorfhelferin. In den zwei darauffolgenden Jahren durfte ich viele bedeutsame Erfahrungen machen, die verschiedensten Menschen kennenlernen und ebenjenen helfen, ihren Alltag nach einem Schicksalsschlag neu zu strukturieren. Mir wurde mit der Zeit immer mehr bewusst, wie sehr ich die Arbeit mit Menschen, und vor allem mit Kindern, genoss – aber in meinem Arbeitsalltag immer weniger Zeit dafür blieb. Somit befand ich mich irgendwann an einem Punkt, an dem ich realisierte, wie groß mein Wunsch nach Veränderung in den letzten Monaten geworden war.

Denn ich hatte mich in den letzten Jahren auch verändert. Meine Interessen, meine Lebensziele und meine Werte hatten sich verändert, oder wie ich gerne sage: neu geordnet. Mein damaliger Beruf passte nicht mehr zu dem Leben, welches ich mir für mich wünschte, und so stand die Welt für mich ziemlich lange still.

Bis ich eines Tages den Mut fasste, meiner inneren Stimme Gehör zu schenken. Sie an meinen Entscheidungen teilhaben zu lassen und darauf zu vertrauen, dass sie mich dort hinträgt, wo ich wieder voller Vertrauen meine ersten Schritte versuchen kann. Durch einen glücklichen Zufall führte mich mein Weg zum Kinderhaus St. Josef, dessen Stelle eigentlich nur für ein halbes Jahr ausgeschrieben war. Ich gebe zu: Am Anfang hatte ich Zweifel, ob es wirklich richtig war, das Alte und Vertraute hinter mir zu lassen. Würde ich gut genug sein? Würden meine neuen Arbeitskolleg:innen mich als Laie im Team akzeptieren? Würde ich meine Entscheidung irgendwann bereuen?

Doch dazu kam es nie. Denn schon nach kurzer Zeit hatten die Kinder mein Herz im Sturm erobert und ich fühlte mich von ihnen sowie meinen Kolleginnen so gesehen, gebraucht und wertgeschätzt wie lange nicht mehr. Ich freute mich auf neue Herausforderungen und erkannte mit jedem Tag mehr und mehr, dass ein fehlendes Puzzleteil in mir nun wieder an seinen Platz gefunden hatte. Ich war dort angekommen, wo ich immer sein wollte.

Nun arbeite ich schon mehr als zwei Jahre im Kinderhaus, habe mich als pädagogische Ergänzungskraft qualifiziert und darf demnächst die Fortbildung zur pädagogischen Fachkraft antreten. Manchmal denke ich an die Zeit zurück, in der sich mein Leben um 180 Grad gedreht hat, und bin immer noch sehr dankbar für alle Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet haben.
Denn es braucht nicht nur den eigenen Antrieb, um das Leben in den nächsten Gang zu schalten – nein. Es braucht viele Hände, die einen stützen, halten und auch mal einen Schubs in die richtige Richtung geben.

Und es gibt so viele kleine Hände, die mir täglich zeigen: „Du große Hand, ich brauche dich.“

Helena Grasl, Dorfhelferin & Kinderpflegerin

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